Basler Sturzwäscherinnen: Das ungewöhnliche Handwerk hinter dem Sturz
Sturzwäscherinnen in Basel – wer steckte hinter den steifen Hauben?
Wusstet ihr, dass Baslerinnen vom 17. bis ins späte 18. Jahrhundert einen sogenannten Sturz trugen?
Na ja, ich auch nicht. Bis ich kürzlich das Bild einer Frau mit einer Haube und einem Schleier sah, der mich eher an einen steifen Vorhang als an einen zarten Schleier erinnerte.
Dieser Sturz war ein Kennzeichen verheirateter Frauen aus den gehobenen Basler Ständen, insbesondere des sogenannten Daig.
Und je mehr ich darüber las, desto spannender fand ich diese ziemlich kuriose Geschichte.
Denn hinter diesem steifen Kleidungsstück steckte nicht nur eine strenge Kleiderordnung, sondern auch ein eigenes Frauenhandwerk: die Sturzwäscherinnen.
Der Sturz als Zeichen von Stand und Tugend

Die Frauen der Basler Patrizier waren damals stark auf den häuslichen Bereich beschränkt. Die Gesellschaft war protestantisch geprägt und patriarchal, und der Daig bestimmte nicht nur das gesellschaftliche Leben, sondern hatte auch Einfluss darauf, wie sich Frauen zu verhalten und zu kleiden hatten.
Der Sturz sollte die Tugend und Frömmigkeit einer verheirateten Frau zeigen. Er stand für ihre Rolle als Ehefrau, Haushaltsführerin und Mutter, die für die reformierte Erziehung der Kinder zuständig war. Gleichzeitig zeigte er ihren gesellschaftlichen Rang.
Frauen hatten damals weder politische noch akademische Rechte und waren rechtlich je nach Lebenssituation ihrem Vater oder später ihrem Ehemann unterstellt.
Der Sturz war also keineswegs einfach eine Modeerscheinung. Er zeigte ziemlich deutlich, wo eine Frau in der Basler Gesellschaft stand – und wie sie sich zu benehmen hatte.
Die Sturzwäscherinnen – Spezialistinnen für steife Falten
Im Gegensatz zu den Frauen der Oberschicht durften Arbeiterinnen und Frauen aus den unteren Schichten keinen Sturz tragen.
Dafür entstand unter ihnen ein eigenes Gewerbe: die Sturzwäscherinnen, auf Baseldeutsch „Sturz-Wäschere“.
Denn so ein Sturz war alles andere als unkompliziert. Er bestand aus hauchdünnem Leinen oder Baumwolle und musste mit sehr viel Stärke aufwendig in Form gebracht werden. Das exakte Faltenlegen, Bügeln und sogenannte Stürzen war eine richtige Handwerkskunst.
Die Wäscherinnen waren darauf spezialisiert, die feinen Stoffe so zu bearbeiten, dass die gewünschten steifen Falten genau sassen.
Und das musste wirklich perfekt sein. Denn die Sturzwäscherinnen hafteten gewissermassen mit ihrem Namen für ihre Arbeit.
Fiel der Sturz auf dem Weg zur Kirche wegen Wind oder Nässe in sich zusammen, war das ziemlich peinlich – für die Trägerin ebenso wie für die Wäscherin.
Stärke, Holzformen und heisse Plätteisen
Für die Herstellung wurde Weizenstärke verwendet, für besonders gute Ergebnisse auch importierter Reis und die daraus gewonnene feinere Reisstärke.
Die Stärke wurde aufgekocht, bis ein dicker, zähflüssiger Kleister entstand. Der angefeuchtete Stoff wurde darin getränkt und anschliessend über hölzerne Formgestelle gespannt beziehungsweise gestülpt.
Daher auch das Wort Stürzen.
Dann begann die eigentliche Handarbeit: Mit heissen Plätteisen, die mit glühender Kohle gefüllt waren, wurde der Stoff direkt auf den Formen steifgebügelt. Durch die Hitze wurde die Stärke fest und der Stoff erhielt seine typische, beinahe brettartige Form.
Wenn ich nur schon daran denke, dass dieses steife Gebilde eng am Kopf und Hals sass, wundert es mich nicht besonders, dass die Damen irgendwann Beschwerden bekamen.
1709 hatten die Baslerinnen genug
Im Jahr 1709 beschwerten sich die Frauen ganz offiziell beim Basler Rat über die teuren Stürze. Sie waren nicht nur kostspielig, sondern offenbar auch unbequem und konnten unter anderem Kopfschmerzen, Schwindel und Atemnot verursachen.
Der Rat blieb zunächst stur. Die Herren mussten diese Gebilde ja schliesslich nicht tragen.
Erst im späten 18. Jahrhundert wurde die Kleiderordnung gelockert und der Sturz verschwand nach und nach aus dem Basler Alltag.
Damit verlor auch das Handwerk der Sturzwäscherinnen seine Grundlage.
Wo arbeiteten die Sturzwäscherinnen?
Da die Sturzwäscherinnen nicht in Zünften organisiert sein durften, arbeiteten viele von ihnen in Heimarbeit, unter anderem im St. Alban-Tal, im Kleinbasel und in der Steinenvorstadt.
Dort standen ihre hölzernen Formgestelle, auf denen sie die empfindlichen Stoffe bearbeiteten, stärkten und in Form brachten.
Andere Haushalte des Basler Daig beschäftigten ihre eigene Sturzwäscherin direkt im Haus. Das hatte natürlich den Vorteil, dass der Sturz gleich dort angelegt werden konnte und die Dame anschliessend fertig für den Kirchgang war.
Ich stelle mir dabei vor, wie die verheirateten Damen mit ihrem schweren Gestell, der steifen Haube und dem Stoff dicht vor Mund und Nase zur Kirche trabten, während die Wäscherin vermutlich noch irgendwo im Hintergrund ihre letzten Falten kontrollierte und froh war, dass sie das nicht tragen musste.
Das Sturzgeheimnis
Die Rezeptur der Stärke und die Technik des Faltenlegens wurden übrigens streng gehütet. Das Wissen wurde von Mutter zu Tochter weitergegeben und war offenbar ein echtes Handwerksgeheimnis.
Wurde eine Rezeptur oder eine bestimmte Technik an andere weitergegeben, konnte es sogar zu Klagen wegen des „Diebstahls“ von Handwerkswissen kommen.
Man könnte also sagen: Eine Art Betriebsspionage gab es auch damals schon – nur dass es nicht um Computerprogramme, sondern um Stärke und Falten ging.
Was wurde aus den Sturzwäscherinnen?
Als die Stürze schliesslich verschwanden, mussten sich die Wäscherinnen neue Arbeit suchen.
Viele wurden zu sogenannten Weisswäscherinnen. Das war allerdings eher ein Abstieg. Statt der filigranen Arbeit an den Stürzen mussten sie nun Bettzeug, Hemden und andere Wäsche der Oberschicht waschen.
Und das war körperlich wesentlich härter: Die Wäsche wurde an öffentlichen Waschplätzen, unter anderem am Rhein oder an den Stadtbächen, geschrubbt und bearbeitet.
Andere schafften den Sprung in die neue Modewelt und wurden Modistinnen. Sie fertigten nun Kragen, Hüte und Bänder an.
Für manche ältere Sturzwäscherinnen blieb dagegen nur noch die Armenfürsorge.
Ein Stück Basler Frauengeschichte, das fast vergessen ist
Heute wirkt ein Sturz auf einem alten Bild vielleicht einfach nur seltsam. Eine steife Haube, gefältelter Stoff und ein Gesicht, das teilweise von dieser aufwendigen Konstruktion verdeckt wird.
Doch hinter diesem Kleidungsstück steckt viel mehr: die strengen gesellschaftlichen Regeln des Basler Daig, die begrenzten Möglichkeiten von Frauen und ein heute fast vergessenes Handwerk, das grosses Können erforderte.
Und irgendwie finde ich die Vorstellung komisch, dass ausgerechnet die Frauen, die den Sturz selbst nicht tragen durften, dafür sorgten, dass er bei den Damen der Oberschicht perfekt sass.
Während die eine also schwer atmend und geschniegelt Richtung Kirche marschierte, hatte die andere dafür gesorgt, dass kein einziges Fältchen falsch sass.
Vor allem muss ich bei diesem atemberaubenden Sturz an eine Zeit denken, die noch gar nicht so lange zurückliegt und in der uns ebenfalls etwas vor Mund und Nase hing.
Damals aus ganz anderen Gründen, freiwillig oder weniger freiwillig – aber irgendwie zeigt sich daran auch etwas ziemlich Menschliches: Je nach Zeit und Umständen sind wir offenbar erstaunlich bereit, uns etwas vor die Nase zu installieren.
Vielleicht ist die Geschichte der Stürze also gar nicht so skurril, wie es auf den ersten Blick scheint.
Und ja, Basler Geschichte kann ganz schön eigenartig sein. Und manchmal steckt sie eben in einer gestärkten Falte. 😄
Corinna



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