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Die Radium Girls – Frauen, die durch leuchtende Uhren starben

  • Corinna
  • 14. Feb. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 11 Minuten


Vorwarnung


Ich werde hier ein paar Bilder der Frauen zeigen, die Schädigungen von Radium davongetragen haben. Wenn ihr empfindlich seid, bitte nicht weiterscrollen.


Als Radium Girls bezeichnet man Arbeiterinnen der Uhrenindustrie, die Anfang des 20. Jahrhunderts Zifferblätter mit radiumhaltiger Farbe bemalten und dadurch schwer erkrankten.


Die Radium Girls


All die Frauen, die Weckern und Uhren dazu verhalfen, in der Nacht zu leuchten und durch wirklich üble Umstände bekannt wurden unter dem Namen Radium Girls.


All die Frauen, die dabei nicht wussten, wie sehr sie ihrer Gesundheit mit dieser Arbeit schadeten, obwohl sie einfach nur Geld verdienen wollten mit ihrer Tätigkeit.


Sei es in der Fabrik oder in Heimarbeit: Kein Geld der Welt hätte sie für das Erbe ihrer Arbeit entschädigen können. Doch wie so oft im Leben – sie wussten nicht, was sie da taten.


Frauen bei der Arbeit mit Radium (Quelle: Wikimedia Commons/PD)
Frauen bei der Arbeit mit Radium (Quelle: Wikimedia Commons/PD)


Die Vorreiterinnen des Arbeitsschutzes


Doch trotz all dem Leid, das die Folgen ihrer Arbeit mit Radium waren, haben sie etwas hinterlassen: sie gelten als die Vorreiterinnen für Arbeitsschutz, den es zuvor so gut wie gar nicht gab.



Der Radium-Hype


Nachdem Marie Curie im Jahr 1898 das Radium entdeckte, begann ein regelrechter Hype darum.


Radium wurde nicht nur eingesetzt, um Uhren zum Leuchten zu bringen, sondern auch in:


  • Geschirr

  • Kosmetika

  • Kondomen

  • Lebensmitteln


Damals wurden dem Radium sogar gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben. Noch niemand wusste, wie schädlich es in Wirklichkeit war.



Erste rätselhafte Krankheiten


Erst als in Amerika die ersten Frauen wegen herausfallender Zähne bei Ärzten vorstellig wurden, begann man aufmerksam zu werden.


Die Symptome waren erschreckend:


  • Zähne fielen aus

  • Kiefer und Knochen zerbrachen

  • Wirbelsäulen knickten ein


Auch die Zahl der Krebserkrankungen unter den Arbeiterinnen nahm stark zu.

Die Ärzte begannen zu recherchieren, denn solche Krankheitsbilder hatten sie zuvor noch nie gesehen.



Bösartige Geschwulst, die auf Radium zurückzuführen ist. (Quelle unbekannt)
Bösartige Geschwulst, die auf Radium zurückzuführen ist. (Quelle unbekannt)


Arbeit bei der US Radium Corporation


Schliesslich stellte sich heraus, dass all diese Frauen bei der US Radium Corporation in Newark gearbeitet hatten.


Ihre Aufgabe war es, Zifferblätter mit radiumhaltiger Farbe zu bemalen.


Da diese Arbeit im Akkord bezahlt wurde, bemühten sich die Frauen, möglichst viele Zifferblätter pro Tag zu schaffen. Manche kamen auf:


  • 200

  • oder sogar 250 Zifferblätter täglich.


Immer wieder wurde der sehr feine Pinsel ins Radium getunkt. Da die Pinselhaare dabei auseinanderstanden, wurde der Pinsel einfach in den Mund gesteckt und mit der Zunge wieder zugespitzt.


War das damals – und vielleicht sogar heute – nicht auch bei uns so, wenn wir oder unsere Kinder mit Wassermalfarbe malten und der Pinsel auseinandergeht? Und wir oder unsere Kinder den Pinsel rasch mit der Zunge wieder zugespitzt haben?


Nur war unsere Malfarbe im Gegensatz zum Radium meist nicht gesundheitsschädlich – und der Pinsel landete bei uns auch nicht täglich und in solcher Routine im Mund.



Grace Fryer
Grace Fryer


Der Mut von Grace Fryer


Eine dieser Arbeiterinnen war Grace Fryer.


Im Jahr 1922 schwoll ihr Gesicht an, Zähne fielen aus und ihr Kiefer war von Löchern zerfressen. Nachdem Ärzte herausgefunden hatten, dass dies vom Radium verursacht wurde, fasste sie einen mutigen Entschluss.


Zusammen mit vier weiteren betroffenen Frauen verklagte sie das Unternehmen.

Es dauerte Jahre, bis sie einen Anwalt fand, der bereit war, den Fall zu übernehmen.


Am 11. Januar 1929 sass Grace im Gerichtssaal. Von den ursprünglich fünf Klägerinnen waren nur noch drei am Leben – die anderen waren bereits verstorben.


Grace selbst hatte:


  • keine Zähne mehr

  • benötigte eine Stütze für den Rücken

  • konnte ihre Hand nicht mehr zum Schwur heben



Ein Vergleich vor Gericht


Einige Monate später kam es zu einer aussergerichtlichen Einigung.


Den betroffenen Frauen wurde zugesprochen:


  • ein Schmerzensgeld

  • eine jährliche Rente


Ein Schuldeingeständnis der Firma gab es jedoch nicht.


Dabei war bekannt, dass Wissenschaftler und die oberste Leitung der Firma sehr wohl wussten, wie gefährlich Radium war – es den Arbeiterinnen aber nie mitgeteilt hatten. Der Profit ging über alles.


Besonders pikant: Der zuständige Richter war selbst Aktionär der US Radium Corporation.


Da viele der betroffenen Frauen innerhalb weniger Jahre starben, kam das Unternehmen letztlich relativ glimpflich davon. Immerhin führte man danach Schutzmassnahmen für den Umgang mit Radium ein.


In Amerika geht man heute davon aus, dass Tausende Frauen durch ihre Arbeit mit Radium erkrankten und starben.


Grace Fryer starb am 27. Oktober 1933.


Strahlenschaden am Bein.
Strahlenschaden am Bein.


Die Radium Girls in der Schweiz


Doch diese Radium Girls gab es nicht nur in Amerika. Auch in der Schweiz wurde ab 1907 die Verwendung von Radium in der Uhrenindustrie gefördert, vor allem im französischsprachigen Teil des Landes.


Allerdings gab es einen Unterschied zu den USA:


  • Ein kleiner Teil der Arbeit fand in Werkstätten statt

  • Ein großer Teil wurde als Heimarbeit ausgeführt


Die Frauen arbeiteten oft im:


  • Wohnzimmer

  • Esszimmer

  • Schlafzimmer

  • oder in der Küche


Manch Gefäss mit Radium wurde nach der Arbeit einfach im Küchenschrank verstaut - dort, wo auch Kinder ungehindert Zugang hatten.


So ist etwa die Geschichte eines Jungen bekannt, der zusammen mit seinen Freunden zum Spass seine Fingernägel mit Radium bemalte, weil diese nachts so schön leuchteten.


Sein bester Freund starb Jahre später an Krebs. Ob dies tatsächlich mit dem Radium zusammenhing, konnte jedoch nie eindeutig geklärt werden.


Überhaupt ist nicht bekannt, ob die Arbeit mit Radium in der Schweiz gesundheitliche Folgen für die Arbeiterinnen hatte – denn dies wurde nie systematisch untersucht.


Allerdings berichtete eine Handchirurgin in den 1970er Jahren von Patientinnen, deren Hände:


  • verstrahlt

  • von Krebs befallen

  • und von Läsionen gezeichnet waren.



Abgefaulter und abgebrochener Kiefer wegen Radiumbelastung.
Abgefaulter und abgebrochener Kiefer wegen Radiumbelastung.


Das Ende der Radiumverwendung


In der Schweiz wurde die Verwendung von Radium 1963 mit der Strahlenschutzverordnung verboten. Belastete Räume und Böden wurden anschließend saniert.


Die letzte bekannte Sanierung fand 2023 auf einem Privatgrundstück im Kanton Solothurn statt.


Heute sollte sich Radium nur noch in Uhren befinden, die vor 1970 hergestellt wurden.



Wird Radium heute noch verwendet?


Offiziell ist es Firmen weltweit seit 1968 verboten, Radium in Konsumgütern zu verwenden. Ob das tatsächlich überall eingehalten wird, lässt sich schwer sagen.


Doch andere giftige Stoffe und sogenannte „Ewigkeitsmaterialien“ sind bis heute im Umlauf und belasten Menschen und Umwelt, zum Beispiel:


  • Asbest

  • Formaldehyd

  • PFAS



Ein Thema für einen weiteren Artikel?


Doch diese Stoffe wären wohl einen weiteren Artikel wert. Was meint ihr?


Corinna





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