top of page

Rechts-Links-Schwäche im Alltag: Wenn Orientierung zum Abenteuer wird

14. Mai 2021
8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. Aug.





Manchmal kann ich mich einfach nicht entscheiden: rechts … oder links?

Eigentlich ist das ja eine ziemlich eindeutige Sache. Entweder rechts oder links – etwas dazwischen gibt's nicht.


Vielleicht denkt ihr jetzt: «Wo ist denn das Problem? Wenn du weder rechts noch links bist, dann bist du wenigstens schön in deiner Mitte.»


Schön wär's.


Mit meiner politischen Einstellung hat das allerdings nichts zu tun. Ich spreche von meiner Rechts-Links-Schwäche. Einer Orientierungsschwäche, die mich schon mein ganzes Leben begleitet. Mal macht sie sich kaum bemerkbar, mal bringt sie mich – und gelegentlich auch mein Umfeld – zur Verzweiflung.


Von den armen Menschen, die mich nach dem Weg gefragt haben, ganz zu schweigen. Wenn die ausgerechnet an mich geraten, irren sie anschliessend vermutlich noch viel orientierungsloser durch die Gegend.



Was ist eine Rechts-Links-Schwäche?


Doch was genau ist eigentlich eine Rechts-Links-Schwäche? Dabei handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um eine Orientierungsschwäche.


Betroffene haben Mühe, rechts und links spontan auseinanderzuhalten – besonders dann, wenn sie unter Zeitdruck stehen oder mehrere Dinge gleichzeitig im Kopf haben.


Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 20 bis 30 Prozent der Menschen dieses Problem kennen. Ich gehöre definitiv dazu.


Für mich bedeutet das: Sobald jemand plötzlich eine Wegbeschreibung von mir möchte oder ich innerhalb weniger Sekunden entscheiden muss, wo denn nun rechts und links ist, geraten meine Synapsen offenbar kurz in Panik.



Beispiele aus meinem Leben gefällig?


Ich spaziere mit dem Hund durchs Quartier. In der einen Hand halte ich die Leine, in der anderen einen Barhocker.


Ja, genau so ist es tatsächlich passiert.


Aber fragt bitte nicht, warum ich mit einem Barhocker spazieren gegangen bin.


Während ich noch darüber nachdenke, wie merkwürdig dieses Bild wohl von aussen aussieht, nähert sich mir ein Auto mit ausländischen Kennzeichen.


Mein erster Gedanke?

Bitte fragt mich nicht nach dem Weg.


Und was macht der Autofahrer?

Natürlich hält er genau neben mir an, lässt das Fenster herunter und fragt nach der Irgendwasstrasse.


«Ja klar», antworte ich selbstbewusst. «Da müssen Sie vorne die zweite Strasse rechts fahren, dann immer geradeaus. Schon sind Sie da.»


Innerlich klopfe ich mir auf die Schulter.

Siehst du, Corinna! Es geht doch. Auch von dir kommt manchmal eine korrekte Wegbeschreibung.


Kaum ist der Mann losgefahren, schaue ich ihm hinterher.

Und plötzlich trifft mich die Erkenntnis wie ein Blitz.


Mist.


Ich habe ihm das falsche Rechts erklärt.

Er hätte auf die andere Seite fahren müssen.


Bis heute möchte ich gar nicht wissen, der wievielte Mensch das war, den ich auf eine völlig falsche Fährte geschickt habe.


Auf dem restlichen Heimweg beschäftigte mich deshalb nur noch eine einzige Frage:

Hoffentlich begegne ich dem nie wieder.



Woran merkt man eine Rechts-Links-Schwäche?


Eine Rechts-Links-Schwäche zeigt sich meistens nicht darin, dass jemand überhaupt nicht weiss, wo rechts oder links ist.


Das wäre ja noch einfach.


Das Problem ist vielmehr, dass die Entscheidung nicht automatisch passiert.


Während andere Menschen ohne nachzudenken sagen:

«Nimm die nächste Strasse links.»

muss mein Gehirn erst einmal eine kleine Besprechung einberufen.


Links? Rechts? Moment mal…


Besonders schwierig wird es, wenn alles schnell gehen muss.

Wenn mir jemand eine kurze Anweisung zuruft.

Wenn ich gleichzeitig etwas in den Händen halte.

Oder wenn ich nebenbei noch versuche, einen Hund davon abzuhalten, eine spannende Duftspur quer über die Strasse zu verfolgen.


Dann kann es passieren, dass mein Gehirn kurz beschliesst:

Heute machen wir das mit rechts und links einfach etwas komplizierter.



Ein weiterer Klassiker: Das andere Rechts


Oder noch so ein Klassiker:

Ich bin mit meiner Schwester im Auto unterwegs. Sie fährt, während ich auf dem Beifahrersitz sitze und die Gegend bestaune.


Plötzlich schallt eine Verkehrsmeldung in höchster Lautstärke aus dem Radio.

Meine Schwester bittet mich, diese auszuschalten.


Auf dem Display erscheinen zwei Möglichkeiten:

«Löschen» und «Abbrechen»


Eigentlich keine schwierige Aufgabe. Eigentlich.


Meine Schwester sagt kurz und knapp:

«Auf das Rechte!»


Zielsicher wie ich bin, drücke ich sofort auf die richtige Anzeige.

Und ich freue mich. So richtig. Denn ich habe es geschafft!


Ich habe ohne Hilfsmittel rechts gefunden. Meine Hände mussten nicht helfen.

Ich musste nicht überlegen. Ich war fast ein bisschen stolz auf mich.


Im Auto herrscht Stille.


Bis meine Schwester trocken sagt:

«Das andere Rechts meinte ich.»


Tja.


Ihr seht vermutlich, worauf ich hinauswill.


Eine Rechts-Links-Schwäche betrifft nicht nur die Person selbst.

Sie betrifft manchmal auch das Umfeld.


Vor allem dann, wenn dieses Umfeld nicht präzise genug formuliert.

Denn seien wir ehrlich: Meine Schwester hätte ja auch einfach sagen können:

«Drück auf Abbrechen.»


Hat sie aber nicht.


Und wenn ich mich richtig erinnere, durfte danach jemand das Radio wieder neu programmieren.


Meine Schwester behauptet vermutlich, ich sei schuld.

Ich sehe das etwas anders. Schliesslich hätte sie sich klarer ausdrücken können.



Warum verwechseln manche Menschen rechts und links?


Die grosse Frage ist natürlich:

Warum passiert das überhaupt?


Warum kann ein Mensch problemlos ein kompliziertes Rezept kochen, ein Möbelstück zusammenbauen oder eine Wanderroute planen – aber bei einer einfachen Frage wie «rechts oder links?» plötzlich ins Grübeln kommen?


Die genaue Ursache einer Rechts-Links-Schwäche ist bis heute nicht vollständig geklärt.


Wissenschaftler gehen davon aus, dass dabei verschiedene Faktoren eine Rolle spielen können: zum Beispiel die Verarbeitung von räumlichen Informationen im Gehirn, die Entwicklung des Körpergefühls und die Fähigkeit, die eigene rechte und linke Körperseite sicher zuzuordnen.


Oder einfacher gesagt:

Unser Gehirn muss lernen, dass diese beiden Seiten zwar ziemlich ähnlich aussehen, aber trotzdem nicht dasselbe bedeuten.


Bei manchen Menschen funktioniert diese Zuordnung automatisch. Bei anderen braucht das Gehirn einen kleinen Umweg. Ich gehöre eindeutig zur zweiten Gruppe.



Theorie Nummer eins: Vielleicht liegt es an der Evolution?


Eine Theorie beschäftigt sich damit, dass die Unterscheidung von rechts und links gar nicht so selbstverständlich ist, wie wir heute denken.


Unsere Vorfahren orientierten sich viel stärker über Landschaft, Himmelsrichtungen und feste Bezugspunkte.


«Dort beim grossen Baum.»

«Richtung Sonnenaufgang.»

«Beim Fluss entlang.»


Solche Angaben waren wahrscheinlich wichtiger als ein schnelles:

«Zweite Abzweigung links.»



Wobei ich ehrlich gesagt nicht weiss, wie ich mich damals geschlagen hätte.

Stellt euch vor, ich müsste einem Steinzeitmenschen erklären, wo der Säbelzahntiger wartet.

«Also… du gehst zuerst geradeaus… dann… ähm… Moment…»


Ich würde vermutlich nicht lange überlegen müssen. Der Säbelzahntiger hätte die Entscheidung wahrscheinlich für mich getroffen.



Theorie Nummer zwei: Hat es mit der Entwicklung als Kind zu tun?


Eine weitere Vermutung ist, dass bestimmte Entwicklungsschritte in der Kindheit eine Rolle spielen könnten.


Dabei geht es zum Beispiel um Bewegungsabläufe wie:

  • Krabbeln

  • Rollen

  • Robben

  • Greifen

  • die bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers


Nun, was soll ich dazu sagen?

Habe ich da etwas übersprungen?


Meine Mutter würde sagen: Nein.


Ich selbst kann mich leider nicht mehr an jede Phase meiner Kindheit erinnern.

Vielleicht bin ich also einfach irgendwann falsch abgebogen.

Was bei meiner Vorgeschichte ja eigentlich perfekt passen würde.



Aber was ich daraus gelernt habe:


Ob die Ursache nun in der Entwicklung, der Gehirnverarbeitung oder irgendwo ganz anders liegt:


Eine Rechts-Links-Schwäche bedeutet nicht, dass jemand weniger intelligent ist.

Sie bedeutet einfach, dass das Gehirn bei dieser speziellen Aufgabe einen anderen Weg nimmt.


Manche Menschen rechnen schneller.

Manche können sich jeden Geburtstag merken.

Manche finden ohne Navi überall hin.

Und manche wissen jederzeit, wo rechts ist.


Ich gehöre eben zu den Menschen, die dafür gelegentlich erst eine kleine interne Sitzung brauchen.


Mit dem Älterwerden lernt man vielleicht auch, die eigenen kleinen Eigenheiten mit mehr Humor zu nehmen. Denn manchmal sind es genau diese kleinen Veränderungen und Macken, die die besten Geschichten liefern. Über meine ganz persönlichen Überraschungen beim Älterwerden habe ich hier geschrieben: Alt werden? Nicht mit mir! Dachte ich… bis diese 4 Dinge passiert sind



Was hilft bei einer Rechts-Links-Schwäche?


Natürlich könnte ich jetzt behaupten, ich hätte eine bahnbrechende Methode gefunden, mit der ich meine Rechts-Links-Schwäche vollständig überwunden habe.


Habe ich aber nicht.


Ich habe lediglich eine kleine Strategie entwickelt, die mir im Alltag hilft.


Wenn ich genügend Zeit habe und nicht gerade beide Hände voll habe, strecke ich meine Hände ungefähr auf Brusthöhe aus und bewege sie kurz zur jeweiligen Seite.


Ja, ich weiss.


Das sieht vermutlich ein bisschen speziell aus.

Aber es funktioniert.


Mein Gehirn scheint dann irgendwie die Verbindung herzustellen:

Diese Hand ist rechts.

Diese Hand ist links.


Und plötzlich ist die Welt wieder in Ordnung.


Mittlerweile habe ich darin sogar richtig Übung. Die Bewegungen sind so klein geworden, dass sie vermutlich kaum auffallen.

Zumindest rede ich mir das ein.


Allerdings gibt es ein kleines Problem: Ich brauche dafür zwei Dinge.

Zeit. Und freie Hände.


Und genau da wird es manchmal schwierig.


Ihr erinnert euch? Hund in der einen Hand. Barhocker in der anderen.


Oder erweitern wir die Liste einfach mal:

Einkäufe.

Werkzeug.

Schuhe.

Zementsäcke.


Alles, was ich in meinem Alltag eben so herumschleppe.


Mit vollen Händen kann ich nicht kurz meine persönliche Rechts-Links-Choreografie aufführen.


Dann muss mein Gehirn alleine entscheiden. Und das ist nicht immer die beste Idee.


Besonders schwierig wird es, wenn jemand eine schnelle Antwort erwartet.

«Geh rechts!»

Nur zwei Wörter.

Für viele Menschen kein Problem.


Für mich beginnt in diesem Moment ein kleines Gedankenspiel:

Was ist rechts?

Meine rechte Seite?

Die Seite, die ich gerade anschaue?

Die Richtung, die der andere meint?


Während andere längst abgebogen sind, bin ich gedanklich noch mitten in der Besprechung.


Ich vermute, dass bei mir die Verbindung zu rechts und links einfach nicht ganz automatisch funktioniert.


Mein Gehirn braucht manchmal einen kleinen Hinweis. Eine Bewegung. Einen Moment zum Nachdenken. Eine kurze Erinnerung.


Und wenn diese Zeit fehlt?


Dann kann es passieren, dass meine Synapsen kurz streiken. Was soll ich machen?

Auch mein Gehirn hat offenbar manchmal Feierabend.



Kleine Tricks, die bei einer Rechts-Links-Schwäche helfen können


Neben meiner persönlichen Handbewegung gibt es auch andere Strategien, die vielen Menschen helfen können:


  • Eine feste Seite merken: Manche Menschen tragen zum Beispiel einen Ring oder eine Uhr immer an derselben Hand.

  • Kurz Zeit nehmen: Nicht sofort antworten, sondern einen Moment überlegen.

  • Mit dem Körper arbeiten: Eine Bewegung oder ein Bezug zur eigenen Körperseite kann die Orientierung erleichtern.

  • Nicht unter Druck setzen lassen: Stress macht die Unterscheidung oft schwieriger.


Denn manchmal braucht das Gehirn einfach eine Sekunde länger.

Und diese Sekunde sollte man ihm gönnen.



Rechts oder links? Manchmal ist auch der gerade Weg eine Lösung


Wie dem auch sei:

Rechts oder links – manchmal ist es einerlei.


Denn das Leben besteht ja zum Glück nicht nur aus Richtungen.


Eine Rechts-Links-Schwäche bedeutet nicht, dass man im Alltag ständig verloren ist. Manchmal braucht das Gehirn einfach einen kleinen Moment länger, um die richtige Seite zu finden.


Bei mir helfen Hände, Zeit und ein bisschen Humor.


Und falls das alles gerade nicht verfügbar ist?


Dann hoffe ich einfach, dass ich niemandem eine komplett falsche Richtung angebe.


Falls ihr also irgendwann jemanden seht, der beide Hände hebt und kurz damit herumwedelt:

Keine Angst. Das ist keine neue Fitnessübung.


Es könnte einfach ein Mensch auf der Suche nach rechts sein.


Und falls dieser Mensch zufällig einen Hund an der einen Hand und einen Barhocker in der anderen trägt: Dann habt ihr mich entdeckt.


Aber lasst mir die beiden bitte. Die nehme ich nämlich wieder mit und gehe – hoffentlich in die richtige Richtung – nach Hause.



Corinna



📦 Kurz erklärt: Warum rechts manchmal nicht rechts ist


🧠 Was ist eine Rechts-Links-Schwäche?

Eine Rechts-Links-Schwäche bedeutet, dass die Unterscheidung zwischen rechts und links nicht immer automatisch funktioniert.

Es ist keine Krankheit, sondern eine kleine Orientierungshürde, die besonders unter Zeitdruck, Stress oder mit vollen Händen plötzlich zum Abenteuer werden kann.


📊 Wie viele Menschen betrifft das?

Schätzungen zufolge kennen etwa 20–30 % der Menschen diese Schwierigkeit zumindest gelegentlich.

Also: Falls ihr manchmal überlegen müsst, welches die rechte Seite ist – ihr seid nicht allein.Euer Umfeld muss nur manchmal etwas Geduld haben. 😉


😂 Typische Alltagssituationen:

🚗 Nach dem Weg gefragt werden→ und plötzlich hoffen, dass der Autofahrer ein gutes Navi besitzt.

📱 „Drück auf das rechte Feld!“→ Klar. Nur welches der beiden rechten Felder war gemeint?

🐕🪑 Mit Hund und Barhocker unterwegs sein→ schlechte Voraussetzungen für eine spontane Rechts-Links-Entscheidung.


🛠️ Meine persönliche Strategie:

Wenn ich Zeit habe und meine Hände frei sind:

🙌 Hände kurz auf Brusthöhe heben

↔️ die Seitenbewegung machen

🧠 kurz überlegen


Funktioniert erstaunlich gut.

Vorausgesetzt natürlich, ich schleppe gerade keinen Hund, keinen Barhocker oder sonst irgendetwas, das meine Hände beschäftigt.


💡 Merksatz:

Wenn ihr jemanden seht, der mitten im Alltag kurz beide Hände hebt und leicht herumwedelt:

Keine Sorge.

Das ist keine neue Sportübung.

Es könnte einfach jemand sein, der gerade versucht herauszufinden, wo rechts ist.

Hund und Barhocker bitte nicht wegnehmen. Die gehören dazu. 😄




Kommentare


©2025 by scheissaufsalter

  • Instagram
  • Facebook
bottom of page