Warum man manchmal trotzdem aufsteht – Winterwanderung von Sunnbüel bei Kandersteg zum Berghotel Schwarenbach
- Corinna
- vor 17 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Gehen oder doch liegen bleiben?
Es ist sieben Uhr morgens, ich liege im warmen Bett, der Wecker klingelt und ich verhandle mit mir selbst. Muss ich wirklich aufstehen? Muss ich wirklich wandern gehen? Draussen ist alles grau in grau. Anmächelig ist anders. Also erst einmal Kaffee. Und dann klären wir das mit dem Leben – beziehungsweise mit dem Wandern.
Kaffee, Zweifel und die Sehnsucht nach Schnee
Doch! Ich will in den Schnee! Am liebsten dorthin, wo nicht viele Menschen sind. Allerdings dürfte das bei dem Wetter heute auch kein grosses Problem sein. Überraschung. Nach dem zweiten Kaffee fällt die Entscheidung auf Sunnbüel oberhalb von Kandersteg. Dort war ich letzten Sommer zum ersten Mal mit meiner Schwester. Laut Wetterbericht: Nieselregen. Aber immerhin Schnee unter den Schuhen. Man muss ja realistisch bleiben.
Wanderkleidung übergeworfen, Rucksack gepackt, Essen kann ich mir unterwegs auch noch organisieren. Und dann kurve ich durch Kandersteg Richtung Talstation Sunnbüel. Es nieselt tatsächlich. Und Menschen? Fehlanzeige.
Wenn du mehr über die Sunnbüel lesen möchtest: Rundwanderung zu den Arvenseeli
Einsamkeit an der Talstation
Auf dem Parkplatz grüsst mich die Einsamkeit persönlich. Ich stapfe Richtung Talstation Sunnbüel. Niemand. Gar niemand. Irgendwo rummst es, der Gondelführer kommt mir entgegen, und ich sage – halb hoffnungsvoll, halb ironisch: „Na, nit grad viel Lüt hüt, gäll? “ Er schaut mich irritiert an und meint:„Doch doch, vorhi isch voll gsi!"
Nun denn. Dann sind wenigstens oben ein paar Menschen unterwegs. Hoffentlich.
Ich warte. Und warte. Eine Loipenfahrerin gesellt sich zu mir. Wir schweigen uns an. Ruhe ist manchmal ganz oke. Kurz vor der Abfahrt kommt noch ein Paar dazu. Er macht sich lautstark über Berge und Wetter lustig und stösst ein unangenehmes „Harrharr“ aus. Sie wirkt irritiert. Ich auch.

Alleine wandern auf Sunnbüel im Winter
Schliesslich gondeln wir zu fünft nach oben. Inklusive Gondelführer. Der Ausblick? Fantastisch. Genau bis zum nächsten Baum. Wolken hängen überall, es schneit, es windet. Aber ich bin ja nicht so alt geworden, wie ich bin, um mich davon abschrecken zu lassen. Also stapfe ich erneut los. Von Pfosten zu Pfosten. Mehr Orientierung wird hier oben gerade nicht geboten.


Nach ein paar Minuten reisst die Wolkendecke auf. Vor mir liegt eine weite Ebene, die Spittelmatte. Rechts irgendwo im Wäldchen die zugeschneiten Arvenseeli und irgendwo in der Ferne mein Ziel. Die Sonne blinzelt durch. Es ist wunderschön. Und ruhig. Wenn kein Wind geht, höre ich nur meine Schritte im Schnee. Das nennt man wohl Entschleunigung.




Vom Wissen, wann ein Ziel genug ist
Eigentlich will ich weiter bis zum Gemmipass. Realistisch betrachtet weiss ich aber schon jetzt: Das wird heute nichts. Zu spät gestartet, die ganze Strecke müsste ich auch wieder zurücklaufen, und die letzte Gondel wartet nicht auf unentschlossene Wanderinnen.
Also wird das Berghotel Schwarenbach mein Ziel. Die Landschaft ist beeindruckend. Das Paar von der Gondelstation begegnet mir nochmals. Ich höre sein „Harrharr“ schon von weitem. Danach kommt der Aufstieg. Und der bringt mich ordentlich ins Schwitzen: ein Schritt vorwärts, ein halber wieder zurückgerutscht. Als dann auch noch ein Raupenfahrzeug den halben Weg umpflügt, wird es nicht einfacher. Aber irgendwann stehe ich da. Durchgeschwitzt. Und ziemlich stolz, dass ich nicht einfach faul auf der Couch liegen blieb.



Heisse Schokolade, Apfelkuchen und Fürsorge
Beim Schwarenbach: kaum Leute. Drei Angestellte sitzen draussen in der Sonne und blinzeln mich an. Ich bin der einzige Gast. Mit heisser Schokolade und Apfelkuchen richte ich mich auf der Terrasse ein. Der Service ist grossartig. Man bringt mir sogar ein Kissen hinterher, damit ich draussen nicht friere. Und mein Popo weich sitzt.
Irgendwann beginnt es wieder zu schneien. Wie schön. Ich sitze immer noch da, die Schokolade mittlerweile kalt, aber das stört mich nicht. Den Service schon eher:„Nit, dass ihr euch en erkältig ifanget.“ Ich winke ab. Manche Dinge muss man einfach aushalten. Und geniessen.



Rückweg mit Wetter und Gelassenheit
Irgendwann ist es Zeit umzukehren. Mitten im Schneegestöber gehts wieder bergab Richtung Bergstation. Aber ehrlich: Wandern bei schönem Wetter kann ja jeder. Ich geniesse die kalte Luft, den Schnee, die Landschaft – und freue mich jetzt schon auf die nächste Wanderung. Irgendwo.


Bei der Talfahrt bin ich allein in der Gondel. Der Fahrer ist freundlich, erzählt mir von den Bergen ringsum und dass heute insgesamt genau 55 Personen inklusive mir auf Sunnbüel waren. Mein Wunsch nach wenigen Menschen ist also in Erfüllung gegangen. Und die Wetterkapriolen haben diese Winterwanderung auf Sunnbüel einzigartig gemacht.
Vielleicht zieht es mich beim nächsten Mal wieder ins Berner Oberland – oder an einen ganz anderen stillen Ort. Wir werden's sehen.
Bis dahin
Corinna
🧭 Für alle, die trotzdem noch Fakten wollen
(und für jene, die beim Lesen heimlich mitschreiben)
📍 Ort: Sunnbüel oberhalb von Kandersteg (Berner Oberland)
Ca. 1’936 m ü. M. – hoch genug für Schnee unter den Schuhen und tiefe Gedanken, tief genug, um sich unterwegs noch umentscheiden zu dürfen.
🚡 Anreise
Mit der Gondel von Kandersteg hoch auf Sunnbüel. Dauer: ca. 10 Minuten.
Gefühl: erst skeptisch, dann plötzlich sehr froh, nicht zu Fuss hochgemusst zu haben.
Tagesstatistik meines Besuchs: 55 Personen inklusive mir. Mein Wunsch nach Einsamkeit wurde also ernst genommen.
🥾 Wanderidee (die mit Realität kompatibel ist) Sunnbüel – Schwarenbach (und retour)
Winterwanderung– leicht bis mittel, je nach Wetter, Tagesform und Lebenslage
Dauer: ca. 3 - 4 Stunden (plus Denkpausen, Plus Kaffeepausen, Plus Stolz)
Ursprünglicher Plan: weiter bis zum Gemmipass. Tatsächlicher Plan: rechtzeitig umkehren, bevor die letzte Gondel und die Vernunft verschwinden.
❄️ Untergrund & Bedingungen
Schnee, Wind, Wolken, kurz Sonne, dann wieder Schneegestöber. Orientierung: kurz nur von Pfosten zu Pfosten, dann alles im Blick.
Schritttempo: ein Schritt vor, ein halber zurück – metaphorisch wie wörtlich.
⚠️ Schwierigkeit (Scheissaufsalter-Skala)
technisch: gut machbar
mental: überraschend wohltuend
sozial: sehr überschaubar
Nervfaktor: ein Raupenfahrzeug, das den halben Weg umpflügt
☕ Einkehr Berghotel Schwarenbach
Empfohlen bei: Durchgeschwitztheit, Stolz, Hunger.
Getestet: heisse Schokolade, Apfelkuchen, Sonnenterrasse.
Service-Level: bringt dir ein Kissen hinterher, weil man nicht möchte, dass du draussen frierst – selbst dann, wenn du das Kissen eigentlich gar nicht willst.
👥 Menschenaufkommen
Talstation: praktisch niemand
Gondel: kurzzeitig ein Paar mit „Harrharr“-Begleitung
Oben: genau richtig wenig
Ideal für alle, die lieber ihren eigenen Schritten zuhören als fremden Gesprächen.
🧠 Fazit in einem Satz
Sunnbüel ist kein Ort für grosse Pläne – aber ein sehr guter Ort, um trotzdem aufzustehen.
Weitere Informationen unter: www.sunnbüel.ch



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