Die Aareschlucht und das Rätsel um den Tatzelwurm
- Corinna
- 21. Okt. 2022
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Auf dem Weg zur Aareschlucht im Berner Oberland – irgendwo zwischen Wald, Chalets und einem hilfreichen Einheimischen
Nachdem ich euch letzte Woche auf den Spuren von Sherlock Holmes zu den Reichenbachfällen geführt habe (den Beitrag findet ihr hier: Sherlock Holmes und die Reichenbachfälle), nehmen wir heute den nächsten Programmpunkt im Haslital in Angriff: die Aareschlucht.
Unser Ausgangspunkt lag oberhalb der Wasserfälle – dort, wo sich der Weg gleich in drei Richtungen verzweigt:
nach Rosenlaui (dorthin gibt es diese schöne Wanderung: Wanderung von den Reichenbachfällen zum wildromantischen Rosenlauital)
auf dem Kulturweg zur Aareschlucht
oder runter nach Meiringen.
Da unser Ziel der Ost-Eingang der Aareschlucht war, entschieden wir uns logischerweise für die Richtung Innertkirchen.

Der Kulturweg führt über grobe Steinplatten durch den Wald, mal schattig, mal mit hübschen Ausblicken über das Tal. Nach einer Weile erreichten wir die Bushaltestelle Geissholz Hori, überquerten die Strasse und marschierten weiter Richtung Weiler Geissholz.
Während wir gemütlich an den hübschen Chalets vorbeischlenderten, hielt plötzlich ein Auto neben uns. Ein älterer Herr kurbelte das Fenster runter und rief uns etwas zu.
Wir verstanden natürlich erstmal… nichts. Unsere erste Vermutung: Wir stehen ihm im Weg. Doch nein – der Mann wollte uns tatsächlich helfen.
Er erklärte uns, dass wir nicht der Strasse folgen müssten, sondern quer über die Trampelpfade durch die Wiesen laufen könnten. Viel schöner, viel kürzer.
Gesagt, getan. Wir bedankten uns und marschierten weiter – mit dem Gefühl, gerade einen kleinen Geheimtipp erhalten zu haben.

Der Eingang Ost – Tor zur Aareschlucht
Schliesslich erreichten wir die Hauptstrasse zwischen Meiringen und Innertkirchen. Ein paar Strassenüberquerungen später standen wir vor unserem Ziel: dem Ost-Eingang der Aareschlucht.

Vor Betreten der Aareschlucht, könnt ihr auf der Terrasse eine kleine Erfrischung zu euch nehmen. Wir verzichteten darauf, da wir auf dem Weg dahin ein ausgiebiges Picknick zu uns nahmen und passierten gleich den Eingang.


Naturwunder Aareschlucht – 200 Meter Fels und ein ziemlich lautes Flussgeräusch
Schon beim Betreten hört man sie: die Aare.
Sie rauscht, gurgelt und donnert durch die Felsen. Die Temperatur fällt spürbar ein paar Grad – eine sehr willkommene Abkühlung an warmen Tagen.
Der Weg durch die Schlucht ist etwa 1,4 Kilometer lang und führt über:
Holzstege
in den Fels gehauene Wege
kurze Tunnel
Die Schlucht selbst wurde über Jahrtausende von Gletschern und Wasser geformt. An manchen Stellen ragen die Felswände bis zu 200 Meter hoch in den Himmel.
Und manchmal ist der Durchgang gerade mal einen Meter breit.
Kurz gesagt: Naturkino vom Feinsten.

Die Sage vom Tatzelwurm – das Monster der Alpen
Doch die Aareschlucht hat nicht nur geologische Highlights zu bieten.
Sie hat auch…einen Hausdrachen.
Der Tatzelwurm – eine Art kleiner Cousin von Drache und Lindwurm – soll in den Alpen sein Unwesen treiben. Mit Reptilienkörper, Raubtierkopf und schlechter Laune.
In der Aareschlucht treibt er sich heute vor allem zur Freude der Kinder herum. Entlang des Weges kann man nämlich die versteckte Tatzel-Familie entdecken.

Früher war das allerdings weniger niedlich.
Den Legenden nach griffen Tatzelwürmer auch Menschen an. Einige Geschichten berichten sogar davon, dass sie Menschen getötet haben sollen.
Sympathischer Zeitgenosse also. Aber Tatzelwürmer sollen übrigens nicht nur in der Aareschlucht ihr Unwesen treiben.


Der berühmteste Tatzelwurm der Schweiz – auf dem Pilatus
Berühmt ist in der Schweiz die Sage vom Tatzelwurm auf dem Berg Pilatus. Soll er doch dort Höfe überfallen und Vieh getötet haben. Die Bauern wollten ihn loswerden, nur getraute sich keiner an die Aufgabe heran. Freiwillige? Fehlanzeige!
Schliesslich erklärte sich der verurteilte Mörder Heinrich von Winkelried bereit, den Kampf gegen den Tatzelwurm aufzunehmen. Zu verlieren hatte er ja nichts, als Mörder würde er ja eh hingerichtet werden, im besten Falle würde er den Wurm besiegen und mit der Freiheit belohnt werden.
Winkelried schnappte sich also sein Schwert, machte sich auf den Weg zur Höhle des Tatzelwurms, wo es zu einem erbitterten Kampf kam. Schliesslich gelang es Winkelried, dem Untier sein Schwert in den Leib zu rammen, woraufhin dieses starb.
Als Zeichen seines Sieges reckte er sein Schwert siegessicher in die Höhe, doch ein einziger Tropfen Blut, das vom Schwert auf seine Hand fiel, genügte, dass auch Winkelried auf der Stelle sein Leben aushauchte.
Dumm gelaufen, kann ich da nur sagen!

Das Tatzelwurm-Foto von 1935 – Europas kurzer Monster-Hype
Der Tatzelwurm in der Aareschlucht soll auch die Bewohner der Umgebung terrorisiert haben. Doch scheinbar war er nicht gar so gefährlich wie sein Artgenosse auf dem Pilatus.
Im Jahre 1935 gelang es gar einem russisch-stämmigen Fotografen namens Balkin, ein Foto des Monsters zu machen.
Kaum hatte er das Foto gemacht, begab er sich auf den Weg nach Meiringen, wo er sich im Hotel Bär erstmal einen kräftigen Schnapps genehmigte. Kein Wunder!
Nachdem er seine Nerven beruhigt hatte, erzählte er von seinem Erlebnis.

Er liess das Foto entwickeln und schickte es an die ‚Berliner Illustrirte Zeitung‘. Ganz Europa war anschliessend aus dem Häusschen. Endlich gab es den Beweis für solch ein Monster.
In der Folge schickte die Zeitung gar zwei Mal seine Mitarbeiter zur Aareschlucht, denn schliesslich sollte das Monster endlich gefasst werden.
Dem Glücklichen, dem der Fang gelingen sollte, würden 1‘000 Reichsmark in die Hand gedrückt werden. Doch wie sich zeigte, liess sich das Ungeheuer nicht mehr blicken. Die Belohnung wurde nicht ausbezahlt, dafür schaffte es das Ungeheuer in einen Artikel der ‘Neuen Zürcher Zeitung‘.
Und der Tourismus an der Aareschlucht? Na, der kam erst recht in die Gänge damals. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt 😉.
Doch die Aareschlucht hat noch eine Überraschung – und die stammt aus dem Zweiten Weltkrieg.



Die geheimen Kavernen im Fels – Militärgeschichte in der Aareschlucht
Mitten in der Schlucht entdeckt man zwei unscheinbare Öffnungen im Fels.
Sie wirken völlig unspektakulär – bis man die Infotafel liest.
Denn dahinter verstecken sich Kavernen aus dem Zweiten Weltkrieg.
Anfang der 1940er-Jahre wurden rund 15'000 Kubikmeter Fels gesprengt, um dort Unterkünfte für das 3. Armeekorpszu bauen. Die grössere Kaverne bot Platz für 185 Soldaten. Die kleinere beherbergte die technischen Anlagen.
Geplant war sogar ein Zug im Tunnel – mit Aufenthalts-, Büro- und Essräumen.
Doch bevor die Anlage richtig genutzt wurde, änderten sich die militärischen Zuständigkeiten.
Das 2. Armeekorps übernahm die Region – und räumte die Anlage kurzerhand wieder aus. Warum genau? Weiss bis heute niemand so richtig. Doch seitdem stehen die Kavernen offiziell leer.
Ein Augenzeugenbericht zu den Kavernen in der Aareschlucht
Ein Bericht eines Zeitzeugen jener Zeit lautet: ‚Die Kaverne war für mich ein Luxusbau. Holztäfer, Heizung, Wasserzufuhr, Toilette mit Spülung, elektrische Beleuchtung…Für uns Williger, die wir das Wasser für den Haushalt zum Teil noch aus dem Dorfbrunnen oder gar aus dem Lugibach holen mussten, erschien die Kaverne als Palast. Der gesamte Einbau war fix und fertig, als von einem Tag auf den anderen der Befehl zum Herausreissen und Zerstören der Arbeit gegeben wurde. Verständnis hatten wir dafür nicht.‘
Ich muss gestehen: im ersten Moment, da ich von den Kavernen las, dachte ich nur, wie schrecklich es gewesen wäre, wäre man dort stationiert worden. Aber im Kontext zum Bericht des Zeitzeugen, hat sich meine Ansicht diesbezüglich geändert.
Doch nun genug vom 2. Weltkrieg und den Kavernen, weiter gehts in der Aareschlucht.


Der Weg Richtung Meiringen – Tunnel, Fels und tosende Aare
Je weiter man durch die Schlucht läuft, desto näher kommt man Meiringen.
Die Wege führen durch mehrere Tunnel, vorbei an engen Felsspalten und immer wieder mit Blick auf die Aare.
An der schmalsten Stelle misst die Schlucht gerade einmal einen Meter.
Man steht dort zwischen zwei gigantischen Felswänden – und fühlt sich plötzlich ziemlich klein.




Der West-Eingang – und der verdiente Snack danach
Am West-Eingang der Aareschlucht endet unser Weg.
Dort steht ein kleines Tea Room-Häuschen, das auf den ersten Blick nicht unbedingt so wirkt, als würde hier Hochbetrieb herrschen.
Doch ein paar Schritte weiter findet ihr ein Selbstbedienungsrestaurant mit Kiosk.
Und ganz ehrlich: Sollte sich nach dem Gang durch die Schlucht der ein oder andere Gluscht einstellen: Nichts wie hin!
Fazit: Ein Naturwunder mit Geschichte – und einem Hauch Monsterlegende
Ich hoffe, ich konnte euch Neues und Interessantes über die Aareschlucht erzählen und auch wenn die Aareschlucht ein bekanntes Ausflugsziel in der Schweiz ist, gibt es doch die ein oder andere Geschichte, die nicht jeder kennt. Ihr jetzt aber schon 😊.
Und noch ein Tipp:
Im Juli und August könnt ihr freitags und samstags einen Abendspaziergang durch die beleuchtete Schlucht machen – ein ganz besonderes Erlebnis.
Ich habe die Aareschlucht bei Nacht übrigens schon einmal besucht – und kann euch sagen: Das ist noch einmal eine ganz andere Stimmung. Hier könnt ihr über die Aareschlucht bei Nacht lesen: Aareschlucht bei Nacht: Magische Abendbeleuchtung zwischen Felsen, Gewitter & Spaghetti
Bis zum nächsten Mal.
Corinna
Alles Wichtige auf einen Blick
📍 Startpunkt
Weggabelung oberhalb der Reichenbachfälle – Richtung Innertkirchen über den Kulturweg
🚶♀️ Weg zur Schlucht
Waldwege, kleine Weiler & versteckte Trampelpfade – teils auf Hinweise von Einheimischen 😉
🎟️ Zugang
Eingang Ost der Aareschlucht mit Café-Terrasse (wenn der Hunger kommt) oder Zugang West in Meiringen (je nachdem aus welcher Richtung ihr kommt)
📏 Länge der Schlucht
1,4 km – über Stege, Tunnel & Felswege direkt durch das Naturwunder
🌊 Natur pur
Bis zu 200 m tiefe Felswände, rauschendes Wasser, bizarre Gesteinsformen – ein Fest für die Sinne
🧚 Sage vom Tatzelwurm
Mystisches Bergwesen mit Kultstatus – Kinder können die Tatzel-Familie in der Schlucht entdecken
📸 Kurioses
1935 will ein Fotograf den Tatzelwurm wirklich abgelichtet haben – Europa war kurz im Monsterfieber
🪖 Kavernen aus dem 2. Weltkrieg
Verlassene Bunker-Anlage mitten im Fels – mit Luxusstandard von damals (inkl. WC mit Spülung!)
🌌 Extra-Tipp
Juli & August, freitags & samstags: Abends ist die Schlucht beleuchtet – magisch und kühl zugleich
🚪 Ende der Tour
West-Eingang bei Meiringen – mit Selbstbedienungsrestaurant & Kiosk für den Hunger danach
🔎 Fazit:
Ein beeindruckendes Naturerlebnis mit spannender Geschichte, perfekt für Groß & Klein. Und wer weiß – vielleicht zeigt sich ja doch noch ein Tatzelwurm...
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